Seiteninhalt: dgsv
dgsv
Beitrag DGSv Journal 3/2011
Ronny Jahn/ Eckehard Herwig-Stenzel
Braucht die Supervision keinen Nachwuchs? –
Telemach trifft Mentor
Im Tohuwabohu des Beratungsmarkts wird die Tradition der Supervision zunehmend unsichtbar. In den Augen vieler junger BeraterInnen erscheint Supervision neben „trendigen“ Beratungsformaten wie etwa Coaching, Karriereberatung, Team- und Organisations-entwicklung verstaubt und antiquiert. Von den „Riesen“ der Supervisionsszene verfasste - zu Weilen politisch angehauchte - Theorietexte, drohen den Einstieg in das Beratungsgeschäft unnötig zu verkomplizieren oder gar zu verunmöglichen. Einladender wirken da offenbar die vermeintlich systemischen, wertneutralen, „neuen“ Beratungsformate. Sie versprechen „Beratung zum Anfassen“ und einen leichteren Zugang in das „Big Business“, zumal auch erfahrene Supervisoren den angeschlagenen Dampfer der Supervision in Richtung eines wendigen Beratungsschnellboots verlassen. Für supervisorische Novizen stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage: Was ist Supervision heute und braucht sie uns überhaupt? Diese Fragen möchten wir nachfolgend anhand eines fiktiven Gesprächs zwischen Telemach und Mentor diskutieren. In Homers „Odyssee“ ist Mentor ein Freund Odysseus, der dessen Sohn Telemach berät und begleitet, während Odysseus in der Ferne weilt. Aus der griechischen Mythologie hervorgehend wird Mentor so bis in die Gegenwart hinein zum Synonym für einen fördernden Freund und Berater. Im Mittelpunkt des folgenden Dialogs steht Mentoring als ein soziales Arrangement, das es ermöglichen könnte, den beratenden Nachwuchs für Supervision zu begeistern und sie zugleich zu tradieren und zu erneuern. Dass ein solches Setting nicht neu ist, zeigt schon sein Ursprung. Neues entsteht indes, wenn vermeintliches Altes im Heute (wieder)gedacht wird.
Telemach
Supervisionsausbildungen bieten in der Regel Methoden, Theorien und Selbstreflexion, selten jedoch Auftragsakquise und fast nie das Lernen am konkreten Fall im Gespann mit einer gestandenen Beraterpersönlichkeit. Dabei glaube ich, dass man noch so viel lesen, noch so viel im „Trockenen“ üben und immer wieder reflektieren kann, nie wird man als Lehrling so viel lernen, wie beim Beobachten eines Lehrmeisters, dem gemeinsamen Beraten mit ihm und einer anschließenden Diskussion über das, was in der Beratung geschah. Der Lehrling erlebt in dieser Konstellation Persönlichkeit und erfährt Beratung als Berater und nicht etwa als Klient, wie in der Lehrsupervision. An der Persönlichkeit seines Lehrmeisters kann sich der Lehrling im Zuge seiner eigenen professionellen Identitätsbildung orientieren und abarbeiten. Schließlich wird sich der Novize im gelungenen Fall konstruktiv von seinem Begleiter absetzen. Warum gibt es so etwas nicht in der Supervisionsausbildung?
Mentor
Deine Vorstellungen sind mir zu romantisch. Du läufst einem Meister-Lehrling-Verhältnis hinterher. Der alte, gestandene Meister, dessen Aura auf seinen Schüler ausstrahlt. Das setzt voraus, dass sich Supervisoren auch als Meister verstehen. Bei einigen mag das der Fall sein. In der Regel sind Supervisoren jedoch Geschäftsleute, die Ihr Produkt auf dem hart umkämpften Beratungsmarkt anbieten. Worum geht es Dir wirklich? Hast Du Angst vor Deiner Kompetenz? Bist Du noch in der Suchbewegung? Benötigst Du Netzwerke die Deinem zukünftigen Geschäft förderlich sein könnten? In früheren Jahren erhielt der Auszubildende mit Beginn einer Supervisionsausbildung die Eintrittskarte in das seiner Ausbildungsstätte zugehörige Netzwerk, hieraus bezog er Identität, Stallgeruch und Kunden. Bedingt durch die Akademisierung der Ausbildung und zunehmende Komplexität bei der Art von Beratungsanfragen, hat die Identität der Supervisoren aktuell jedoch an Schärfe verloren. Die alten Netze sichern Euch „Jungberater“ nicht mehr und der Markt fragt Euch kaum noch als Supervisoren an. Ich finde Du benötigst keinen Meister. Wie wäre es stattdessen mit Mentoring? Ich als der Erfahrene biete Dir eine Fläche an der Du Dich reiben kannst, ich bin Dein Karriereberater, Lehrer und Netzwerkarbeiter und fördere Dich auf dem Weg in die Freiberuflichkeit.
Telemach
Was spricht gegen Romantik? Ja, ich habe Angst. Angst davor, etwas falsch zu machen und auf dem Beratungsmarkt allein zu stehen. Auf welches Schiff soll ich aufspringen, welches Beratungsformat bringt mich als Berater sicher in die Zukunft? Die Supervision bietet mir hier bisher nur wenig Halt. Mir gefällt die Idee des Mentorings. In meinen Worten finde ich darin eine Identitätsfigur, jemand der in Bezug auf Beratung als Person für etwas steht. Egal ob Meister oder Mentor. Doch noch einmal die Frage: Warum gibt es bisher keinen supervisorischen Mentor? Ist das nicht ein großes Manko der gesamten Beratungsszene, drückt sich hierin nicht gar ihre mangelnde Professionalisierung aus? Man stelle sich einen Chirurgen vor, der nur darüber gelesen hat, wie der Schnitt zu setzen ist, vor seinem ersten Fall aber nie eine Operation leibhaftig beobachtete! Ohne eine solche direkte Lehrphase bleibt vieles in der Beratung mystisch und vage. Wenn ich Dich recht verstehe, dann gab es das, was ich mir wünsche, in früheren Jahren der Supervision. Dann frage ich Dich als gestandenen Supervisor, warum habt Ihr es aufgegeben? Was ist mit Deiner Angst? Worin liegen die Gründe dafür, dass wir nicht mehr beobachten dürfen und was müsste passieren, dass die direkte Beobachtung professioneller Supervisionspraxis wieder möglich wird?
Mentor
Es gab so etwas wie Mentoring in früheren Jahren, als die Supervision begann sich zu professionalisieren. In der traditionellen Supervisionsausbildung wurde die Lehrsupervision zum zentralen Lernort. Vorbild war hier die Psychoanalyse. Wie Supervision zu geschehen hatte, erlebte man hier und in der eigenen Supervision, also zugleich als Supervisand und Supervisor. Aber Du hast Recht, man wird nicht gleich zum Arzt, weil man mal Patient war. Die Gruppendynamik kennt das, was Du Dir vorstellst, unter dem Modell des Trainers und Co-Trainers. Ich denke eine Ursache für fehlendes Mentoring in der Supervision liegt in einer veränderten „Gesellschaftslogik“. Der Beratermarkt spielte vor 40 Jahren nur eine untergeordnete Rolle. Nur wenige Supervisoren wurden Freiberufler. Angehende Supervisoren hatten somit keinen Bedarf an Mentoring. Das hat sich geändert. In der Supervisionsszene ist heute die Marktlogik in den Vordergrund gerückt. Freiberufler wollen und müssen Geld verdienen. Vor diesem Hintergrund habe ich Angst vor Konkurrenz, Angst mir in die Karten gucken zu lassen. Auf dem Markt zählt das Alleinstellungsmerkmal des Beraters. Ich als Freiberufler benötige somit keinen Nachwuchs. Ich brauche Kooperationspartner mit einem Alleinstellungsmerkmal, dass ich nicht anbiete, um sich ergänzen zu können. Dieser Weg bleibt Dir als „Junior“ zunächst verschlossen. Wo kannst Du dann als „Jungsupervisor“ das Ausbalancieren zwischen Rolle und Person in der Beratung in „Echtzeit“ erleben, beobachten und erlernen? Auch ich denke, nur im praktischen Tun. Damit dies gelingt, muss die Profession „Generationsbrücken“ bauen. Nicht als Freiberufler, sondern als Professionsangehöriger nehme ich Dich dann mit in meine Beratung, dabei entwickelst Du Dein Alleinstellungsmerkmal und wir können später auf dem Markt kooperieren. Als potentiellen Netzwerkpartner also lade ich Dich ein – für mich und den Nachwuchs der Profession. Das könnte Mentoring sein.
Telemach
Das klingt gut, ich wäre dabei – in gewisser Weise machen wir ja gerade schon so etwas wie Mentoring. Gleichwohl bin ich skeptisch hinsichtlich der Realisierungschancen. Wenn ich Dich recht verstehe, sind die Marktlogik und eine mangelnde supervisorische Identität Ursachen für das fehlende Mentoringsystem innerhalb der Supervisionsszene? Was heißt das ausbuchstabiert, was konkret macht es schwer, einen Mentee in den Beratungsprozess einzubinden? Ich denke, es gehört einiges dazu, jemanden zu zeigen, wie man berät. Wenn ein Supervisor heute alles anbietet, anbieten muss, Coaching, Supervision, OE, Karriereberatung usw. dann kann er sich auf diesem „mehrdimensionalen Parkett“ zwangsläufig, so meine ich, nicht souverän bewegen. Er darf offiziell nicht zeigen, dass er eigentlich immer das Gleiche tut, egal wie er oder der Kunde es nennt. Ein Grund für die Schwierigkeit dem Mentee zu zeigen, was man tut, ist also vielleicht eine Verlegenheit in Bezug auf das eigene Tun. Hinzu kommt die von Dir beschriebene Angst um die Pfründe auf dem Supervisionsmarkt. Es ist verständlich, dass da auf Neulinge nicht sonderlich viel Wert gelegt wird. Die Felder sind bestellt und langfristig doch eher ausgetrocknet. Wenn ich in der Zunft nach der Zukunft der Supervision frage, erhalte ich allenfalls ein müdes Lächeln. Stirbt die Supervision also aus? Aus dieser Perspektive ist meine Frage nicht, ob ich einem Senior zugucken kann, sondern ob ich Klienten finde. Wie soll ich lernen, wenn ich kein „Lernobjekt“ habe. Warum weiter Supervision betreiben, wenn es keine Supervisanden mehr gibt?
Mentor
Ich kann Deine Skepsis verstehen, aber gemach, gemach. Als Supervisor möchte ich natürlich, dass meine Profession - die Supervision – weiterlebt. Nach dem Stand der Dinge wird dies nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Es ist ja nicht so, dass die Supervision nichts mehr ist. Wenn ich recht sehe, dann schätzt Ihr Jungen doch gerade unsere Organisation im Berufsverband DGSv. Selbstverständlich ist die Nachwuchsfrage für die Profession überlebensnotwendig. Da müssen wir durch - jung und alt. Und das meine ich so, wie ich es sage. Es wird nicht leicht, miteinander auf Augenhöhe zu reden. Wäre es eine vollkommende Augenhöhe, bedürfte es keines Mentorings. In diesem Sinne ist im Mentoring wohl immer auch schon der „Kampf der Generationen“ angelegt und gleichzeitigt bewusst „geregelt“ und damit „beruhigt“. Ich freue mich auf die herausfordernde Auseinandersetzung.
Gemeinsam werden wird dann überlegen müssen, ob die Profession der Supervision überhaupt noch eine Antwort auf die Anforderungen des Marktes gibt? Und wenn ja, ist das noch Supervision? Der Markt fragt Beratung nach. Du und Ich, wir möchten den Markt bedienen. Deswegen müssen wir aber keine Supervisoren sein. Den Markt bedienen derzeit auch viele Berater mit Erfolg, die von Supervision wenn überhaupt nur etwas gehört haben. Wir werden daher zwei Fragen beantworten müssen: Erstens, was ist unsere supervisorische Identität und welche Werte wollen wir als SupervisorInnen tradieren und generieren. Zweitens, was ist unser Geschäft? Wie wir als Profession mit diesen Herausforderungen und Fragen umgehen und uns positionieren, dafür habe auch ich kein Patentrezept. Die Situation ist neu. Klar ist, will sich die Profession der Supervision langfristig etablieren und Marktanteile sichern, geht das nur zusammen mit jungen Kollegen. Die neuen Wege müsst Ihr gehen. Ich bin Supervisor, meine Werte in Bezug auf Beratung schöpfe ich aus meiner Profession. Mein Geschäft ist Beratung, dazu gehört auch die Supervision. Profession und Geschäft zusammenzubringen scheint die Aufgabe für die Zukunft, die ich gerne mit Dir angehe in dem ich Dir zunächst einmal zeige, wie ich berate.
Telemach
Ich freue mich, komme mit und bin gespannt! Erlaube mir eine letzte Frage: Was sind Deine Werte?
Mentor
Organisationen müssen monetäre Werte schöpfen und ihr zukünftiges Überleben sichern. Dies ist jedoch kein Selbstzweck, sie haben gleichermaßen einen gesellschaftlichen Auftrag - sie „dienen“ der Gesellschaft. Dieser Grundsatz prägt mein beraterisches Handeln. Im Kontext von Organisation wirken Menschen mit unterschiedlichen Motiven, Ressourcen und Potentialen. Ich begleite und unterstütze sie dabei, Motive zu verstehen, Ressourcen zu erkennen und Potentiale auszuschöpfen.
Eckehard Herwig-Stenzel und Ronny Jahn sind Mitglieder im Stiftungsrat der Stiftung Supervision. Ab Januar 2012 startet die Stiftung ein Mentoring Pilot – Projekt. Angehende Supervisorinnen und Supervisoren erhalten dort Möglichkeit, einen Mentor über einen vereinbarten Zeitraum bei seinen Beratungen zu begleiten und mit ihm über den erlebten gemeinsamen Beratungsprozess zu reflektieren. Interessierte „Jungsupervisorinnen und -supervisoren“ bewerben sich dazu über die Stiftung Supervision bei den für sie interessanten Mentoren. Weiterer Informationen über das Mentoringprogramm und die teilnehmenden Mentoren sind im Internet unter www.stiftung-supervision.de sowie 030 29 77 1271 erhältlich.